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Historie
Das PVW feierte am 21.09.2012 sein 10-jähriges Bestehen. Festredner war der ehemalige Präsident der Psychotherapeutenkammer Niedersachsen (PKN), Dr. Lothar Wittmann. Freundlicherweise hat er der Bitte entsprochen, seine Festrede auf unsere homepage stellen zu dürfen. Wir empfehlen sie Ihnen zur aufmerksamen Lektüre.
 
visionär, solide, effizient

Der Ausgangspunkt: Fürsorge oder Freiheit der geplatzten Illusion
 
Es gibt Grund zu feiern und es gibt Grund zu gratulieren. 10 Jahre PVW sind im Flug vergangen. Sie waren ereignisreich und sind des Erzählens wert. Ich will Ihnen aber keine Chronologiegeben, die sie besser in den Publikationen von Werner Köthke nachlesen können. Ich will ein bisschen mehr zum Hintergrund erzählen. Die Psychotherapie ist eine vergleichsweise junge akademische Profession. Im starken Aufwachsen der Klinischen Psychologie an den Psychologischen Instituten der 70er Jahre und in der expansiven Phase der Sozialpädagogik und Sozialarbeit liegen die Wurzeln einer Profession, die heute einen Altersschnitt von deutlich über 50 Jahren hat und die erst mit dem Psychotherapeutengesetz von 1999 auf eine legale Basis gestellt wurde. Anders als bei Ärzten, Anwälten und Ingenieuren gibt es noch wenig Modelle, an denen man sich für die ganze Lebensspanne orientieren kann. Das Denken in Kohorten und Generationen entwickelt sich noch. Wiewohl es für die meisten und ich betone die meisten der derzeit praktizierenden Psychologischen Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten jetzt um eine Planung ihres Ruhestands gehen müsste, gab es bisher kaum gebahnte Wege, modale Fälle und Prototypen des Psychotherapeuten im Ruhestand, an denen man sich hätte orientieren können. Gleichzeitig arbeitete der Gesetzgeber wiederholt an einer Aufhebelung der starren Grenzen von Berufstätigkeit und Ruhestand, v.a. an einer Verlängerung der Lebensarbeitszeit. Während die Möglichkeiten des sanften Umstiegs in die Ruhephase (z.B. durch Berufsausübungsgemeinschaften, durch Teilzeitarbeit, durch Jobsharing, gefallene Altersgrenze für den Praxisbetrieb, ausgeweitete Berufsfelder) in den  Jahren seit dem Psychotherapeutengesetz zunahmen, war die materielle Basis des Ganzen, die Altersbezüge-situation von Anfang an ausgesprochen prekär. Ich gebrauche dieses Wort, ohne den wirklich Armen in dieser Gesellschaft zu nahe treten zu wollen, weil mit prekär eine gewisse Ausweglosigkeit und Abhängigkeit von widrigen Verhältnissen bezeichnet wird. Nach raschem Jobwachstum in den 60-er und 70-er Jahren gab es Krisenjahre- und bei wachsenden Studierendenzahlen zumindest zum Berufseinstieg Phasen der Arbeitslosigkeit.
 
Arbeitslosigkeit ist der gravierendste Faktor bei der Beeinträchtigung von Alterseinkünften. 
 
Den Angestelltenzeiten - oft in Halbtags-Beschäftigungsverhältnissen oder Patchwork-Erwerbssituationen - folgten für die gute Hälfte der Profession die Jahre der Selbständigkeit. Auch diese waren belastet: durch die starke Einkommensbenachteiligung gegenüber ande-ren Ärztegruppen, die bis heute mit weniger als der Hälfte eines durchschnittlichen Ärzte-einkommens fortdauert. Weiterbildungskosten haben nachwachsende Psychotherapeuten enorm belastet - alles war selbst finanziert. Zusätzlich kamen hohe Niederlassungskosten  oder - viel schlimmer - Free-Lancer-Existenzen mit  gelegentlicher Honorartätigkeit. Da nicht im gleichen Maße wie die Legalisierung des Berufes voranschritt auch die Strukturqualität der Praxen vorangetrieben werden konnte, war es zwangsläufig so, dass es für viele zum klassischen Umsatz = Einkommen-Irrglauben kam. Anders gesagt, die nach der gesetzlichen Integration heranrückenden Kosten waren absehbar, nämlich die Kosten  der besseren Pra-xisausstattung, der EDV, der Diagnostik, der Fortbildung, der Qualitätssicherung selbst etc. Regelversorgung basiert freiberuflich betrieben auf Gewinnen, die zu Teilen investiert wer-den können. Der Gründergeneration der psychotherapeutischen  Versorgungswerke war von Anfang an klar, dass bescheidene Gewinne nicht als Konsummöglichkeit missverstanden werden dürfen, wenn die langfristigen Versorgungsfragen nicht geklärt sind.

Hinzu kam noch, dass die angestellten Kollegen im Jahre 2001 die bisherige Möglichkeit ei-ner Berufsunfähigkeitsrente im Rahmen der DRV einbüßten. Es gab damals kaum Reaktionen der Betroffenen. Als private Versicherer, mittlerweile verstärkt durch Ansprechpartner aus unserer Profession, in diese Lücken stoßen wollten, tätigten sie anfangs nur wenig  Abschlüs-se - und dies bei einer sonst so sicherheitsstrebigen Profession. Es war daher naheliegend, dass sich große Versicherer der Profession annähern wollten – immerhin ein Geschäftsfeld mit 35.000 potentiellen Kunden - und dass sie auch den Gedanken der Versorgungswerke gerne mit eigenen Angeboten ausgestattet hätten.

Letztlich scheuten die PVW-Gründer wohl zu Recht vor der Integration in ein Privatversiche-rungsmodell zurück. Man dachte wohl intensiv an das, was Versicherer nie so gerne aufs Plakat schreiben, was die schwäbische Hausfrau aber sehr wohl bemerkt: die enormen Abschlusskosten, die sich dem riesigen Administrations-Apparat und den Aquisitionskosten verdanken. Und man gibt unter dem Dach privater Versicherer Mitbestimmungs- und Gestaltungsmöglichkeiten weitgehend auf. Abgesehen davon war es mit der Performance der meisten Lebensversicherer auch schon damals nicht mehr so glänzend bestellt, schließlich war im März 2000 gerade die sog. Dotcom-Blase geplatzt, weitere platzende Spekulationsblasen folgten bis heute. Wir, d.h. die Kammerversammlung der PKN, haben uns nach gründlicher Prüfung für ein selbst verwaltetes Versorgungswerk entschieden.

Es verwundert auch nicht, dass die Professionsmitglieder, die in vielen materiellen Bereichen  nur begrenzte Routine hatten, auch manchmal ein bisschen naiv waren. Die PVW-Gründer waren es nicht! Die Kammerversammlung prüfte und entschied nach einem sehr sorgfältigen Erörterungsprozess und ohne zu erwarten, dass es rauschenden Beifall aus der Berufsgruppe geben würde.

Das PVW war nach der Kammer mit ihrem Pflichtbeitrag nun der nächste Gebührenfall und damit nicht von vorneherein populär.

Stille Kosten wie die 2,2% der KV-Verwaltungskosten bleiben scheinbar unbemerkt, da sie nicht separat gezahlt werden müssen, sondern gleich vom Honorar abgezogen werden und sie werden still geschluckt, obwohl sie das mehrfache des Kammerbeitrags betragen. Sie erinnern ein bisschen an die Abzüge in abhängiger Beschäftigung. Dabei  ist schon ein bisschen erstaunlich, dass nach KV-Umfragen unsere Profession als einzige Ärztegruppe die KVen überwiegend positiv sieht, obwohl genau die über Jahre und in Teilen auch heute noch das Einkommensniveau der Psychotherapeuten teilweise gesetzwidrig niedrig gehalten haben.

Mindestens eine Überschätzung der Ertragssituation von Praxen war gang und gäbe, weil die Anforderungen an die Ausstattung der Praxen noch sehr gering waren. Einige lebten gar in der Illusion, weiterhin in einer Wohnzimmerpraxis und dort bis zum letzten Atemzug praktizieren zu können. In dieser Situation standen wir bei der Gründung der Kammer vor der Frage: Fürsorge und die evtl. mit dem Zwang des Satzungsgebers oder laissezfaire und jeder seines Unglückes Schmied. Wir haben uns aus guten, alten, europäischen Gründen für die Fürsorge entschieden, weil wir meinten, Daseinsfürsorge ist Aufgabe aller staatlichen Instan-zen und die Berufsaufsicht, die zugleich eine Berufsvertretung ist, hat damit auch  Aufgaben der Daseinsfürsorge - so wie es alle älteren Kammern praktizieren. Diese Auffassung haben auch die anderen Psychotherapeutenkammern und insbesondere unsere Kooperationspartner in Berlin, Bremen, Hamburg, Hessen und Rheinland-Pfalz geteilt.

Um es ein bisschen persönlicher auszudrücken: wir agierten - wie es Psychotherapeuten gut ansteht - fürsorglich, mit der Intention, Kolleginnen und Kollegen vor einem bösen Erwachen zu bewahren. Wir handelten eingedenk der eigenen biographischen Situation, ohne für uns selbst im letzten Abschnitt unserer beruflichen Tätigkeitsphase noch viel Gutes bewirken zu können. Aber noch einmal zusammenfassend: warum überhaupt hier Fürsorge?

Unsere Kenntnis von typischen psychotherapeutischen Erwerbsbiographien stand im Vordergrund. Der Arbeits-Beschaffungsmaßnahmen-Boom der Siebziger war uns als Einübung in die Unsicherheit von Beschäftigung noch in Erinnerung, der Beschäftigungsknick in den acht-ziger Krisenjahren war nicht so weit weg, die Unsicherheiten der Nachwendezeit, die unterbezahlten Klinikjobs, Aufstieg und Fall des Erstattungsverfahrens und immer wieder das Scheitern von Entwürfen eines Psychotherapeutengesetzes waren uns vor Augen. Der gerade erst erfolgte Kammerstart brachte ganz viele Fürsorgefragen gleichzeitig auf den Tisch. Einige statistische Ergebnisse über die Ertrags- und Vermögenslage der Profession beschäftigten uns. Und nicht zuletzt immer wieder der Blick auf die eigene Lebenslage der Kammer-Gründer-Generation ließen uns sehr schnell den Vorteil eines Säule-Eins Modelles, also der Pflicht-Rentenversicherung für Freiberufler im Rahmen ihrer eigenen Kammer, erkennen.

Das eigene Versorgungswerk sollte zu allererst der künftigen Alterssicherung der jüngeren und der nachwachsenden Generationen dienen.

Der sogenannten Friedensgrenze waren wir uns bewusst, d.h. wir konnten nicht davon träumen, den gesamten Berufsstand unter einem Rentendach zu vereinen. Die Angestellten verblieben in der DRV-Pflichtversicherung. Aber auch diesen wollten wir das Angebot einer freiwilligen Zusatzrentenversicherung machen - immer auch eingedenk der 2001 weggefallenen BU-Renten. Ich habe die ganze Zeit von wir und Gründergeneration gesprochen, weil ich als Zeitzeuge und Mittäter dabei war. Ungleich wichtiger ist aber das beherzte Planen und Handeln des damaligen PKN-Vorstandsmitglieds Werner Köthke, der von Anfang an im Vorstand der PKN die Zuständigkeit für die Generationenfragen übernommen hatte. Er trommelte in Sachen Nachwuchsfragen, Berufszugang, wirtschaftlichen Aspekten der Praxisführung, Praxisüber-gabe, neue Beschäftigungsfelder und Alterssicherung und er trommelte die richtigen Leute zusammen und behielt im täglichen Kompromissgeschäft immer die großen Ziele im Auge: Sicherung der wirtschaftlichen Grundlagen der Profession als Basis ihrer Weiterentwicklung und als Fundament ihrer gesellschaftlichen Bedeutung.

Er hatte es nicht immer leicht, weil das Denken für die Profession als Ganzes noch nicht entwickelt war. Jahrzehntelange Existenz in lobbyistischen, briefkopfgroßen Kleinverbänden und Teilbekenntnissen war noch lange nicht einem Denken in Bündnissen und dem Denken an die Profession im Ganzen gewichen. Der Gesetzgeber hat im Psychotherapeutengesetz sorgsam Differenzierungen und damit divide et impera Klüfte eingebaut: PP vs. KJP, psychodynamische Verfahren gegen Verhaltenstherapie, Tiefenpsychologie gegen Psychoanalyse, Richtlinienverfahren gegen den Rest der Welt, Übergangsrichtlinien vs. reguläre Ausbildung, Approbation vs. Fachkunde, Ausbildungseinrichtungen auf privater und welche auf universitärer Basis, KV-Integration mit Katzentischstatus, Selbstverwaltung auf Landesebene vs. Bundesgesetzgebung etc. pp. So konnten auch Projekte für die ganze Profession die cui bo-no-Frage nicht im Sinne der einzelnen Gruppeninteressen beantworten. Was allen nützen kann, muss nicht notwendig den Beifall von allen Interessengruppen bekommen. Es ist einem geduldig erarbeiteten Konsens im alten Vorstand, einer tatkräftigen Geschäftsführung und vielen kongenialen Mitstreitern zu verdanken, dass die meisten Generationsprojekte der Kammer gelungen sind: tolerantere Assistenzregelungen, erweiterte Beschäftigungsfelder - von der Forensik zu Palliativbetreuung und Sexualtherapie, erste selektivvertragliche Versuche, PiA-Integration, Nachwuchsstabilisierung durch Einwirkung auf die Hochschulen, Nachwuchsinformation, Alt-Jung-Austausch, Praxiswertberechnung etc. pp. Das Flaggschiff der Generationenprojekte der PKN war das PVW. Es hat sich mit seiner Teilrechtsfähigkeit und in seiner Mehrkammernzielstellung dabei bald von der Herkunfts-Kammer selbst emanzipiert. Die Schritte waren „Teilrechtsfähigkeit“ (19.12.2003) und „weitgehende Rechtsfähigkeit“ und damit Satzungshoheit der Delegiertenversammlung (DV) des PVW (18.10.2008). Ich muss hier erwähnen, dass andere Heilberufskammern diese Emanzipationsschritte von Versorgungswerken im Heilkammergesetz nur zögernd mittragen wollten.

Eine Bindung des PVW an die Gründerkammer PKN und damit an das Bundesland Nieder-sachsen bleibt auch heute noch bestehen, mindestens über den Sitz der Geschäftsstelle und die Rechtsaufsicht, die das Land Nds. leistet.

Mir schien es als damaligem Kammerpräsidenten nie sinnvoll, die Mitsprache des Kammervorstandes und der Kammerversammlung unbedingt aufrecht zu erhalten - weder für das sinnliche Erlebnis der erwirtschafteten Millionen als virtuellem Reichtum, noch für das Kontrolle-Behalten angesichts das Dazustoßens neuer Mitstreiter mit anderen Hintergründen. Ich verhehle eine gewisse Sorge von damals nicht, wenn ich daran denke, wie sehr der Niedersächsische Kammerstil rational und konsensgeprägt war und wie beunruhigt wir in anderen Kammern öffentlich ausgetragene, zum Teil irrationale Uralt-Kontroversen erlebten. Dennoch war für uns immer das Gedeihen des Versorgungswerkes durch eine solide Mitgliedsbasis im Vordergrund. Wir haben nie an eine solitäre Versorgung der Niedersachsen gedacht, so weit reichte der Patriotismus nicht, sondern hatten die Profession in der ganzen Republik im Sinn. Deswegen haben wir uns auch beeilt. Nicht um anderen zuvorzukommen, denn die waren gar nicht da (die meisten Kammern noch nicht gegründet, eine Bundesvertretung noch nicht am Horizont), sondern um das Fenster der Möglichkeiten zu besetzen, da dem Bundes-Gesetzgeber mit seinem Misstrauen gegen die berufsständischen Versorgungswerke und mit seinen Refinanzierungsbedürfnissen nicht ganz zu trauen war. Wir hatten noch lebhaft in Erinnerung, wie die deutsche Einigung aus den Sozialtöpfen finanziert worden war und wir mussten eine schlichte Vereinnahmung der Selbständigen in das DRV-System fürchten, ohne von den vielfältigen Sozialtransfers des Solidarsystems profitieren zu können. Wir brauchten daher möglichst rasch einen rechtlich verteidigbaren Besitzstand. In diesen, den materiellen Reproduktionsgrundlagen der Profession haben wir keine länderspezifischen Aspekte finden können, wenn man mal von den Verwerfungen durch stark unterschiedliche KV-Länderfinanzsituationen, v.a. vor der zentralen Honorarsteuerung und der Eurogebührenordnung von 2009, absieht - und wenn man davon absieht, dass manche Län-dergesetzgeber unsere Berufsgruppe entweder in fremde Obhut drängen oder skandalöserweise einfach hängen lassen. Dass es dann neben dem PVW noch andere Gründungen gab, hat vielfältige Gründe, von Sorge um einen Zugriff des Bundes auf ein bundesweites Versorgungswerk, von wohl erwogener eigener Stärke und Eigenheit bis zur Kirchturmspolitik, Gefolgschaftstreue und direktem Druck der Landesregierungen finden sich alle möglichen Ursachen. Auch unsere Versorgungswerke stellen eben nichts anderes dar als weitere Beispiele bundesrepublikanischer Föderalismustradition.

Angesichts unserer europäischen Probleme mag das manchmal obsolet erscheinen. Aber wir sollten es unter Zentralismu-bremsender Entschleunigung subsumieren und damit versuchen positiv zu lesen.

Solange Versorgungswerke nicht suboptimal klein sind, und wenn sie demographiefest gemacht werden, d.h. auch Schrumpfung der Mitgliedschaft kompensieren können, muss man sich keine Sorgen machen. Die existierenden behaupten sich gut und das PVW natürlich ganz besonders.

Wie war der Weg dahin im einzelnen?

Die PKN wurde vom Niedersächsischen Gesetzgeber als erste Psychotherapeuten-
kammer in einem Flächenstaat mit einem Errichtungssauschuss-Beginn 2000 auf die Schiene gesetzt. Der Errichtungsausschuss hatte ausdrücklich alle Kompetenzen einer künftigen Kammer, ihm fehlte allerdings noch die Legitimation der Wahl durch die Mitglieder, die eine konstituierende Kammerversammlung hervorbrachte und die PKN auf ihren Weg brachte (01.02.2001). Am 30.11.2002 beschließt die Kammerversammlung der PKN einstimmig die Satzung des PVW, diese tritt nach Genehmigung durch die Aufsichtsbehörde am 17.12.2002 in Kraft.

Davor lagen Monate harter Arbeit. Satzungsschöpfer mit einschlägiger Erfahrung wie die Anwälte Igelbusch und Schrader leisteten Enormes, die Gremienvertreter mit Werner Köthke an der Spitze „hängten sich rein“. Interessante Sondierungen bei anderen Versorgungswerken wirkten aufklärend. Sehr schnell hatten wir verstanden, warum uns die Arbeitsgemeinschaft Berufsständischer Versorgungswerke (ABV) nicht haben wollte. Mit unseren angestellten Mitgliedern außerhalb des Versorgungswerkes stellten wir einen vermeintlichen Prozess-risiko-Fall dar. Die Furcht war, man könne den Gesetzgeber mit Angriffen auf die Friedensgrenze reizen und so alle Versorgungswerke schädigen. Nüchterne Betrachtung kann lehren, das wäre auch so gewesen, wenn es diese Prozessierenden aus unseren Reihen gegeben hätte und wir außerhalb der ABV geblieben wären. Nun hat man uns mit Verzögerung als außerordentliche Mitglieder hinzugebeten. Die befürchteten Prozesse hat es nicht gegeben. Gerne sind wir jetzt im Kreis der anderen Versorgungswerke an einer gemeinsamen Interessenvertretung beteiligt (seit Anfang 2008), wenngleich satzungsbedingt nach wie vor ohne Stimmrecht. Eine Dachorganisation für 86 Versorgungswerke mit 700.000 Mitgliedern und 100 Milliarden Euro Rücklagen ist eine nicht zu unterschätzende Interessenvertretung. (1,1 Mio. selbständige Freiberufler zählt der Bundesverband Freie Berufe 2012, den höchsten Wert seit 1950, 10,1 % des Bruttoinlandsprodukts ist ihre Wirtschaftsleistung.)

Es wundert daher nicht, dass im Bundesarbeitsministerium intensiv über Pflichtvorsorgeleistungen von Selbständigen nachgedacht wird und noch weniger wundert es, dass Selbstständige dagegen rebellieren mit dem Rentenrebell Tim Wessels an der Spitze.

Die Psychotherapeuten sind weniger rebellisch. Sie schätzen den Erfahrungsschatz in den Versorgungswerken, der auf Anfänge vor fast hundert Jahren zurückreicht. Auch der Staat hat Übung mit Versorgungswerken, so dass auch wir keineswegs das Rad neu erfinden mussten, sondern einen Dialog mit Sozialministerium und Wirtschaftsministerium führen konnten, in den die Rechtsaufsicht ihre bewährten Verfahren und Regeln einbrachte. Und so ist es bis heute. Versorgungswerke sind staatlich reguliert. Deregulierung ist nicht mehr so gefragt. Ein semantischer Wandel ist eingetreten. Das Wort „reguliert“ heißt jetzt - nach den Jahren von New Economy-, Finanzmarkt-, Banken- und Eurokrise - nicht mehr „degoutant“ und „wachstumshemmend“, sondern bedeutet heute eher „geschützt vor finanziellem Vergaloppieren“. Regelmäßige versicherungsmathematische Begutachtungen monitorisieren die Entwicklung des PVW eng. Das gibt den Mitgliedern, Vorstand und Geschäftsführung des PVW enorme Sicherheit.

Die Niedersächsischen Aufsichtsbehörden verhielten sich in jeder Phase hilfreich. Der Stil war interaktiv und kooperativ. Die Genehmigungsbehörden (Sozial- wie Wirtschaftsministerium) waren hier - auch für unseren Erfahrungshorizont neu - Beratungs- und Serviceeinrichtungen auf hohem juristischen Niveau und nicht qualitätssichernde Obrigkeit, die nur ein Endprodukt auf Tauglichkeit und Gesetzeskonformität überprüfen wollten. Der Niedersächsische Landtag war offen für Argumente und verabschiedete konstruktive Gesetzesänderungen, nicht nur die verschiedenen Staatsverträge, sondern u.a. auch die Heilkammergesetz-Änderungen zu Teilrechtsfähigkeit und weitgehender Rechtsfähigkeit.

Um es einmal ganz emotional auszudrücken: die Gründungszeit war eine wunderbare Zeit, in der erstaunlich viel auf einmal gelungen ist. Die dramatis personae dürfen dabei nicht vergessen werden. Ein Gutteil davon hat in unermüdlicher Werbearbeit Werner Köthke für unsere Sache gewonnen. RA Igelbusch mit seinen Erfahrungen vom Versorgungswerk der Rechtsanwälte war ebenso ein großer Geburtshelfer wie der noch heute im Verwaltungsrat tätige Rechtsanwalt Schrader, der mit seinen breiten wirtschaftsrechtlichen Kompetenzen den verantwortlich Handelnden viele Male das Gefühl von „gut beraten“ vermittelt hat. Herr Pusch, der frühere Geschäftsführer des Versorgungswerks der Anwälte, war in unseren Gründungsbemühungen in seinem Metier. Herr Gerber, ein Private Banking-Mann der NORD/LB, war von Anfang bis heute der Mann für die Anlagefragen, später unterstützt von Herrn Liesner von der Berenberg Bank. Die Performance des PVW ist vor allem unseren Ban-kern und ihrer Expertise geschuldet.

Die genannten Herren Gerber, Schrader, Pusch und vier Kammerversammlungs-
mitglieder bildeten den ersten Verwaltungsrat (Hauss-Labouvie, Köthke, Winter und Wittmann).

Die Geschäftsführerin des PVW, Frau Sieker, hatte als Diplomverwaltungswirtin mit DRV-Hintergrund arrivierte Kenntnisse als Rentenberaterin und brachte Erfahrungen, insbesondere Geschäftsführungserfahrung, vom Versorgungswerk der Niedersächsischen Ingenieurskammer mit. Sie steuert bis heute das Schiff - über lange Zeit hinweg mit enormem Arbeitseinsatz als Kapitän, Matrose und Maschinist gleichzeitig. Immer wieder wurde der Mitgliederbestand neu mit einem Ruck nach oben geschoben, wenn neue Partner hinzukamen: erst Bremen, dann Hamburg, Rheinland-Pfalz und schließlich Hessen. Da wir Partner auf Augenhöhe wollten und da die Partner sich auch mitbestimmend und mitverantwortend einbringen wollten, blieb nur der Weg der Staatsverträge. Alle beteiligten Parlamente und Ministerien leisteten gute Arbeit - nicht zu vergessen die Ministerien, senatorische Behörden und Parlamente in den Partnerländern. So dass wir heute stolz ein FünfländerVersorgungswerk präsentieren können. Berlin, dessen Landesgesetzgeber in seiner Eigenheit wir bis heute nicht verstanden haben, vermissen wir immer noch schmerzlich, umso gespannter und mit einer gewissen Genugtuung verfolgen wir, was die Gerichte dazu sagen.

In der Ausarbeitung der Teilrechtsfähigkeit waren diese Partner und weitere, die dann ihren landeseigenen Weg gingen, von Anfang an in die Diskussion eingebunden, so dass die Satzungsänderungen der PKN von einem breiten Konsens der kooperationswilligen Länder mitgetragen waren.

War das PVW 2002 mit 587 Mitgliedern gestartet - es gab zahlreiche Befreiungstatbestände, für den Anfangsbestand und besonders für die über 45-Jährigen, waren es Ende 2007 schon 3.400 Mitglieder. Heute beträgt der Mitgliederbestand ca. 5.700. Nur um eine Größenordnung zu geben: Das PVW legt derzeit mehr als 1 Mio. Euro an Beitragseinnahmen im Monat neu an und verwaltet einen Kapitalstock von über 100 Mio. Euro. Pro Mitglied liegen beim PVW durchschnittlich 16.000 Euro. 4,2 Mio. betrugen die Erträge aus den Kapitalanlagen 2010. Die Verwaltungskosten lagen immer deutlich unter den von der Versicherungsmathematik angesetzten 5 %. Man vergleiche diese Werte mit den von Lebensversicherern selbst angegebenen Verwaltungskosten von 8-12 %! Der Rechnungszins, also die für die zugesagte Rentenhöhe erforderliche Zinsertragslage, betrug 3,5% und wurde bis heute immer deutlich überschritten. Und dies angesichts eines Umfeldes, das nur noch Krisen in verschiedenen Wortzusammensetzungen kennt. Trotz Abschreibebedarf wegen Griechenland und trotz historisch einmaliger Niedrigzinssituation ist bis heute nie die Latte gerissen worden!

Kurz die Historie zusammenfassend:

Gründung 2002

Die erste Wahl einer Delegiertenversammlung (DV) in allen beteiligten Ländern führte zu einer konstituierenden DV am 09.09.2005 (Vorsitzender der DV Herr Dr. Könning, PKN, und Stellvertreter Herr Bodenstein, PKHB). Der neue Verwaltungsrat (VR) wurde wieder von Werner Köthke angeführt, Stellvertreter Herr Bauer (Hessen), Herr Bodenstein Bremen, Frau Imann-Steinhauer Rheinland-Pfalz und Herr Gieseke Hamburg als die weiteren internen Mitglieder. Neben Herrn Gerber und Herrn Schrader konnte als neues externes Mitglied Herr Liesner von der Berenberg Bank Hamburg gewonnen werden.

Die zweite Wahl folgte wegen der neu hinzugekommenen Länder schon am 15.02.2007. Neuer Verwaltungsrat 2007: Bauer für Hessen, Bodenstein für Bremen, Gieseke für Hamburg, Imann-Steinhauer für Rheinland-Pfalz, Köthke für Niedersachsen. Externe Mitglieder: Gerber, Liesner, Schrader. Köthke erneut Vorsitzender, Bauer Stellvertreter.

Die dritte Wahl ist turnusgemäß im März 2012 abgeschlossen worden. Gewählt in den VR am 21.09.2012: Bodenstein (Bremen), Gieseke (Hamburg), Bauer (Hessen, Stellv.Vors.), Köthke (Niedersachsen, Vors.), Achten (Rheinland-Pfalz), externe Mitglieder: Gerber, Liesner, Schrader. Leitung der DV: Frau Dr. Frank (Hessen), stellvertretende Leitung der DV: Herr Wirth (Hamburg).

Probleme auf dem Weg und ihre Lösung:

Es war nicht leicht, von den kleinen Anfängen bis zur heutigen Größenordnung immer adäquate administrative Strukturen zu finden. Deshalb gab es eine kontinuierliche Verwaltungsentwicklung im Dialog zwischen Verwaltungsrat und Geschäftsführung. Die Beschlüsse wurden von letzterer konsequent umgesetzt. Ein wichtiger erster Schritt war die Trennung von Vermögensverwaltung und Mitgliederadministration. Während die Mitgliederverwaltung bei der Geschäftsstelle liegt, ist die Anlagepolitik in den Händen von Fachleuten aus dem Verwaltungsrat unter Hinzuziehung externen Vermögensanlagekompetenten und Steuerrechtlichen Sachverstands (v. a in Hinsicht auf die Anforderungen nach dem Versicherungsaufsichtsgesetz). Das Risikomanagement erfolgt mehrstufig, auf verschiedenen Kontrollebenen. Der Anlageausschuss ist dem Vorstand gegenüber rechenschaftspflichtig und dieser der DV. Aufsichtsbehörden sind die externen Kontrollinstanzen. Seit 2010 ist dem Wirtschaftsministerium Niedersachsen jährlich ein Risikobericht vorzulegen.

Alle Risiken kann auch das nicht ausschließen, sondern nur minimieren. Marktrisiken, Bonitätsrisiken, Liquidisierbarkeitsrisiken bleiben bestehen, solange man mit Geld und Anlagen umgeht. Risiken durch unvorhersehbare biometrische Populationsveränderungen (Heirats-wut, Rentenfall-Zunahme durch Epidemien etc.) sind nicht auszuschließen. Ein gewisser Trost ist, dass hier auch der Staat Verantwortung übernimmt und als letzter Risikogarant fungiert. Natürlich übernimmt der Staat nicht Risiko-Management-Funktionen. Bei schlechtem Wirtschaften würde es nach Auflösung der Sicherheitsrücklage an die Rentenhöhe gehen, schlimmstenfalls müsste das Versorgungswerk aufgelöst werden. Es hat zumindest Rentensenkungen in anderen Versorgungswerken schon gegeben!

Die Ausgangsentscheidung der Gründer für das Kapitalbildende Anwartschaftdeckungsverfahren hat bis heute niemand bereut. Das Prinzip ist: wenig Transfers, jeder künftige Rentner hat ein Guthaben angespart, dessen versicherungsmathematisches Resultat eine monatliche Rente ist. Einen Generationenvertrag im großen Sinne wie bei der DRV oder einem Deckungsplanverfahren gibt es nicht. Auch das Versorgungswerk NRW hat die Unwägbarkeiten des Deckungsplanverfahrens hinter sich gelassen und sich dem Anwartschaftdeckungsverfahren angenähert. Für eine Berufsgruppe mit nicht zweifelsfrei gesicherten Nachwuchsbedingungen ist das Anwartschaftdeckungsverfahren sicher das Beste.

Einige rechtliche Entwicklungen mussten vom PVW berücksichtigt werden, bei einigen Sachen war man dem Gesetzgeber voraus, so dass man nicht nachjustieren musste, das betrifft den Unisextarif, den wir schon immer hatten und das betrifft die Eheanaloge Behandlung eingetragener gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften.

Das Land Niedersachsen hatte für 2005 eine Verwaltungsvereinfachung gesetzlich auf den Weg gebracht, die einen Widerspruch gegen Behördenentscheidungen nach Landesrecht nicht mehr möglich und einen sofortigen Gang zum Verwaltungsgericht erforderlich machte. Das ersparte dem PVW einen Ausschuss (Widerspruchsausschuss), hier von Demokratieabbau zu reden, wäre mir etwas zu weit hergeholt. Das Alterseinkünftegesetz brachte entscheidende Veränderungen in der Besteuerung der Alterseinkünfte, in Form einer schrittweisen Annäherung an die Besteuerung aller Alterseinkünfte und gleichzeitiger Steuerlicher Absetzbarkeit von Beiträgen zur Alterssicherung.

Demographische Veränderungen schlagen sich nach einiger Zeit immer versicherungsmathematisch nieder. So mussten Nachjustierungen aufgrund der gestiegenen Lebenserwartung getroffen werden. Zugleich musste damit die Frage der wachsenden Lebensarbeitszeit in Angriff genommen werden. Das Regel-Renten-Eintrittsalter wurde von 60 auf 62 Jahre angehoben. Ein Hinausschieben des Rentenbeginns bis zum 70. Lebensjahr ist möglich. Von der Flexibilität einer Profession, die ihre Arbeitsfähigkeit nicht an ein Fixdatum hängen möchte, haben wir bis heute nichts verloren.

Was leistet das PVW derzeit:

Zuallererst verwaltet das PVW mit den Beitragseinnahmen eine Menge Hoffnungen und nährt sie mit Zahlen und Fakten. Ein neu gegründetes Versorgungswerk wird nicht von Anfang an mit vielen Rentenfällen konfrontiert. Die versicherungsmathematische Rate anzunehmender Fälle wurde bisher immer unterschritten, was der Ertragslage bzw. den Rücklagen zugute kam. Kontinuierlich entwickelt sich das PVW nun in eine Situation hinein, in der Rentenzahlung häufiger stattfinden wird, auch BU-Rentenfälle werden mehr vorkommen, aber dies ist gewissermaßen ausfinanziert durch versicherungsmathematische Prognosen und die Kapitaldeckung, mit der weiterhin jeder Rentner im Prinzip seine Rente angespart hat. (Auch vor der Solidarleistung bei Berufsunfähigkeit müssen wir uns nicht sehr fürchten. Bisher hält sich die Profession wacker und im Gegensatz zur ihr immer gerne unterstellten Larmoyanz wird auch mit Tinnitus und Arthrosebeschwerden noch munter weiter gearbeitet.) Alles in allem halten wir es mit Blüm: Unsere Renten sind sicher - und fügen hinzu, solange die Politik nicht Amok läuft. Letzteres ist eher nicht zu erwarten, auch wenn die journalistische Begleitmusik der sog. Eurokrise mittlerweile eine Weltuntergangs-Tonlage angenommen hat.

Fazit:

Das PVW hat ein Erfolgsrezept: Expertise, Motivation und Kontinuität im Wandel. Und in dem Sinne begegnen wir den widersprüchlichen Katastrophenszenarios der Experten mit einem Lutherschen Motto: Und wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, so würde ich doch heute mein Apfelbäumchen pflanzen…